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Würde

"Die Würde des Menschen ist unantastbar." So steht es in Artikel 1 Absatz 1 des Grundgesetzes wie in Granit gemeiselt. Der erste Satz der Präambel zur amerikanischen Unabhängigkeitserklärung liest sich folgendermaßen: "Wir halten diese Wahrheiten für ausgemacht, dass alle Menschen gleich erschaffen wurden, dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt wurden, worunter Leben, Freiheit und das Streben nach Glückseligkeit sind."

Eine klare Aussage. Für die Väter unserer Verfassung(en) hat es demnach nichts Wichtigeres gegeben, als die Unverletzlichkeit unseres narzisstischen Kerns an erster Stelle zu garantieren und sein Bedürfnis nach Freiheit und individueller Selbstverwirklichung zu schützen.

Weshalb war ihnen das so wichtig?

Was geschieht, wenn wir uns nicht daran halten und unseren Mitmenschen nicht mit dem notwendigen Respekt, sondern mit mangelnder Beachtung und mit Ablehnung, ja gar mit Feindseligkeit begegnen? Wir treffen sie dort, wo sie am empfindlichsten sind, und wo es am stärksten weh tut: am Ehrgefühl, am Stolz und an der Würde. Die Folge: tiefe Kränkung.

Es gibt keinen heftigeren Schmerz als denjenigen, der durch narzisstische Kränkung verursacht wird. Durch bewusst oder unbewusst zugefügte Kränkungen legen wir bei empfänglichen Mitmenschen die Grundlage für Hass, für Verbitterung und für ein zerrüttetes Selbstbewusstsein.

Schon als ungeborenes Kind haben wir ein feines Gespür dafür, ob wir unseren Eltern, unserer Familie und der Gesellschaft willkommen sind oder nicht. Im kritischen Baby- und Kleinkindalter können wir uns leider nicht in gleicher Weise abschirmen, wie als erwachsene Menschen. Die im Baby- und Kleinkindalter erlittenen narzisstischen Kränkungen heilen daher nie.

Was in der Kinderstube begonnen hat, setzt sich oft in der Schule fort. Mobbing durch Mitschüler, unsensible Kritik durch überforderte Lehrer, mangelnde Erfolgserlebnisse, all das frisst sich tief in das innerseelische Schmerzgedächtnis von Kindern und Jugendlichen hinein.

Wer Glück hat, erwischt ein gutes Elternhaus. Wärme und Geborgenheit lassen ein Urvertrauen wachsen, das auch mit späteren Kränkungen und Frustrationserfahrungen gut klar kommt.

Die Spannbreite des frühkindlichen Erfahrungsspektrums ist daher groß, die Sensibilität gegenüber diesem Thema ist es allerdings nicht. Deshalb sind narzisstische Störungen eines der Hauptprobleme unserer Gesellschaft.

 


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